Wie ich ihn so leblos darniedergestreckt sah, schwoll mir das Herz von Frohlocken und satanischem Triumphe: Ich klatschte voll Freude in die Hände und rief lauthals: »Auch mir ist’s also gegeben Trübsal zu verhängen […]!« (Mary Shelley)





JASON DARK

Das Zustandekommen dieses kleinen Artikels hat eine amüsante Komponente. Beiträge über Autor_innen zu verfassen, fällt Ismael schwerer als solche über die hintergründige Bedeutung des Genres oder ausgewählter Aspekte desselben. Woran das liegt ist schwer zu sagen: Vielleicht daran, den Kern eine_r jeden Autor_in zu finden, sozusagen das Zentrum des von ihnen beschriebenen und für ihr Schreiben typischen Grauens.

Einen Artikel über Jason Dark zu schreiben liegt im Grunde äußerst nahe, zugleich aber auch sehr fern – schließlich hat diese Seite sich zum Ziel gesetzt, literarischen Horror auf seine versteckten sozialen Implikationen hin zu lesen und die Werke Jason Darks können wohl kaum als Literatur im engeren Sinne beschrieben werden. Doch zum einen lässt sich an der Grenze zwischen Literatur und Nicht-Literatur durchaus rütteln (vgl. die Artikel über Literatur unter dem Link "Über Horror"). Und zum anderen – und dies wiegt schwerer – besitzen seine Geschichten eine Anziehungskraft, der sich viele Menschen (Ismael inklusive) nur schwer entziehen können und offensichtlich von einer Qualität zeugt, die für sich spricht.

Jason Dark schreibt wie am Fließband. Die John Sinclair Reihe umfasst weit mehr als 1000 Bände und die meisten davon (wenn nicht alle) hat er selbst geschrieben, bei einer Geschwindigkeit von 30 Seiten, wie es in einem Portrait der Zeitung "Die Welt" über ihn heißt. Das sich die Themen dabei wiederholen und sich die alles umspannende Rahmenhandlung wie Kaugummi in die Länge zieht, verwundert nicht – das dies nicht langweilig wird und durchaus zu fesseln weiß, hingegen schon.

Ismael fühlt sich hier an ein Gedicht von Charles Bukowski erinnert, in dem dieser die Konfrontation mit jemandem beschreibt, der behauptet, jeder könne Gedichte über Themen wie Saufen, Pferdewetten und Sex schreiben. Auf diese Äußerung hin bittet Bukowski ihn, doch einmal anzufangen, woraufhin sein Gegenüber ein Gedicht über die Pferderennbahn improvisiert, das denen von Bukowski nicht unähnlich ist. Darum gebeten, weitere zu dichten, gehen ihm dann aber schnell die Ideen aus. Die sich dahinter verbergende Auffassung von Literatur ist nicht uninteressant: Zwar kann jede_r ein schnodderig klingendes Gedicht über eine versoffene Nacht schreiben, doch zur Literatur wird dies erst dort, wo das Thema stets aufs Neue von allen Seiten durchleuchtet wird. Und genau dies macht Jason Dark in den so zahlreichen Bänden der John Sinclair Reihe sowie den seit den 80ern auf über 200 angewachsenen Hörspielen (die literarisch besser sind als ihre Vorlagen – nur Ismaels Meinung). Die Frage ist nur, was er eigentlich ausleuchtet. Wer einmal einen Band in die Hände genommen oder einem der Hörspiele zugehört hat, weiß: Das Grauen in seiner Form als Destabilisierung der Grenzen unserer Epistemologie, der Grenzen von Realität, Fiktion, Wirklichkeit und Wahrheit ist es nicht. Ein Schauer stellt sich nur an wenigen Stellen ein und auch das nur zeitweise – viele Menschen hören die Hörspiele sogar gerne zum Einschlafen. Es ist kaum übertrieben zu sagen, Jason Dark sei ein Meister des kommensurablen Horrors.

Dies liegt einerseits an seiner Themenwahl: Vampire, Werwölfe, Ghouls, Zombies, Luzifer, Asmodis, der schwarze Tod, die Mordliga. Die Figuren des Sinclair Universums stammen überwiegend aus dem Repertoire der Literatur des 19ten Jahrhunderts, deren Schrecken mit der abnehmenden Wirkmächtigkeit der Paradigmen dieser Zeit verblasst ist. Was früher zu beunruhigen verstand: fremde Mächte, die den Menschen das Leben aussaugen, die unerwartete Veränderung der menschlichen Gestalt, das Hineinwirken höllischer Mächte in ein christliches Universum, vermag heute nur noch zu unterhalten. Ja, mehr noch, wie ein schönes Zitat aus dem Hörspiel "Melinas Mordgespenster" verdeutlicht:

„Wenn ich die Wahl habe zwischen zwei verstörten Mädchen, deren Krankheit sie zur Geißel ihres eigenen Verstandes werden lässt und einem zünftigen Vampir oder Ghoul, der seine Klauen nach mir ausstreckt – ich meine, dann ist ja wohl klar, wofür ich mich entscheide, oder? Ich meine, die Welt da draußen ist verrückt genug. Da brau’ ich nicht noch verrückte Menschen um mich herum, sondern normale Leute so wie Suko, Jane, Shao, Myxin, Kara, den eisernen Engel… verdammt, ihr wißt schon, was ich meine.“

Das Zitat stammt aus dem von John Sinclair gegebenen amüsierten Rückblick auf seinen letzten Fall, in dem er mit drei Frauen konfrontiert wurde, die an Schizophrenie litten und durch ihre Krankheit zu Mord und Gewalt getrieben wurden. Das der Protagonist sich zwischen den mystischen Kreaturen des 19ten Jahrhunderts (zu denen auch der Magier Myxin, der gute Geist Kara oder der mit Atlantis verbundene eiserne Engel gehören) wohler fühlt als psychisch Kranken, erinnert an das berühmte Zitat aus Büchners Woyzeck: "Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht".

Der Kampf gegen die Dämonen des vorletzten Jahrhunderts ist leichter zu ertragen als die Konfrontation mit dem Abgrund, wie ihn der moderne Mensch verkörpert – eine Ansicht, die Ismael und wahrscheinlich auch viele andere Freunde des Sinclair Universums teilen.

Aus diesem Blickwinkel schenkt Jason Dark seinen Leser_innen nicht so sehr Horrorliteratur als die Gelegenheit, in einem klar strukturierten Universum zur Ruhe zu kommen. Der letzte Satz des Zitats bringt dies deutlich zum Ausdruck. Leute wie Suko, Jane, Shao, Myxin, Kara oder der eiserne Engel sind natürlich – und darin liegt die Vordergründigkeit des Witzes – keineswegs normal, weil sie entweder exotischen Berufen nachgehen (Geisterjäger) oder nicht einmal Menschen sind, sondern eher mystische Wesen aus längst vergangenen Epochen oder fernen Dimensionen. Andererseits macht eben das angesichts der heutigen Welt ihre Normalität aus. Als Repräsentant_innen des 19ten Jahrhunderts bevölkern sie eine Welt, die sich durch klare Grenzen zwischen Gut und Böse auszeichnet und damit valide Kriterien für richtiges und falsches Verhalten besitzt. Selbigen kann man zustimmen oder sie ablehnen (das viktorianische England war sicherlich kein Ponyhof!), unabhängig davon erlauben sie aber eine klare Definition der Identität und Position in der Welt. Insofern sind die Geschichten Jason Darks auch ein deutliches Zeichen dessen, was in der modernen Kultur des Kapitalismus offensichtlich mangelt: Eine klar strukturierte Gesellschaft, beruhend auf transparenten Normen und Werten, mit denen der Mensch konform gehen oder gegen die er rebellieren kann. Von Vampiren und Ghouls umzingelt zu sein ist offensichtlich weit angenehmer, als der Leere einer Gesellschaftsform ausgesetzt zu sein, die immer weniger Anhaltspunkte für die zentralen Fragen der menschlichen Existenz zur Verfügung stellt: Wer bin ich? Was soll ich tun? Was ist die Welt? Genau diese Leere wird von Autor_innen guter Horrorliteratur fühlbar gemacht, Autor_innen des Genres, das Lovecraft in seinem berühmten Essay "Literatur der Angst" als kosmischen Horror bezeichnete. Vielleicht ist es die Thematisierung dieser Leere, die eine Abgrenzung "echter" gegenüber "unterhaltender" Horrorliteratur ermöglicht. Wobei nichts gegen letztere einzuwenden ist, sofern sie so gut zu unterhalten versteht wie die Literatur Jason Darks.

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