NEUER TEXT: Manifeste und latente Angst (17.11.16)

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Das älteste und stärkste Gefühl ist Angst, die älteste und stärkste Form der Angst, ist die Angst vor dem Unbekannten. (H.P. Lovecraft)





DIE HORRORLITERATUR, DIE ANGST UND DER KAPITALISMUS

Analysieren und Interpretieren

Diese Seite setzt sich zum Ziel, das literarische Genre der Horrorliteratur, angefangen bei der Gothic Novel bis zur modernen Horrorliteratur auf seine versteckten Bedeutungen und die möglichen Auffächerung des Phänomens der Angst hin zu analysieren. Horrorliteratur wird also als Literatur im originären Sinne verstanden und vor allem ernst genommen. Einerseits grenzt dieses Verständnis sich gegen eine Literaturauffassung ab, dem jeder phantastische Inhalt als Zeichen mangelnder Güte gilt. Andererseits beharrt es auf intellektuellem Anspruch und lässt aus diesem Grund auch Themen und Autoren außen vor.

Das für diese Seite leitende Verständnis von Horrorliteratur orientiert sich an der Unterscheidung von Furcht und Angst. Wo Furcht einem konkreten Anlass gilt, ist die Angst in ihrem Fokus unscharf, diffus und kann folglich nicht durch Beseitigung einer auslösenden Ursache verschwinden. So verstanden besteht Horrorliteratur also keineswegs in der Beschreibung, wie Menschen anderen Menschen Schmerzen zufügen oder sie auf andere Weise quälen (wodurch eine Reihe moderner Autor_innen bereits aus dem Blickwinkel dieser Seite rutschen). Ganz im Gegenteil zielt sie auf das Phänomen der Angst und gilt ebenso wie diese dem zum Mysterium gewordenen Sein als Ganzem.

Dem Kern auf die Spur kommen

H.P. Lovecraft hat diese Auffassung von Horrorliteratur in seinem Essay „Literatur der Angst“ anschaulich auf den Punkt gebracht:

„Eine bestimmte Atmosphäre atemloser und unerklärlicher Furcht vor äußeren, unbekannten Mächten muß vorhanden sein, und die schrecklichste Vorstellung, die das menschliche Gehirn befallen kann - nämlich die Vorstellung von einer punktuellen Aufhebung oder Ausschaltung jener unveränderlichen Naturgesetze, die unseren einzigen Schutz gegen die Attacken des Chaos oder der Dämonen des unergründlichen Weltraums darstellen - muß angedeutet und mit einer dem Gegenstand angemessenen Ernsthaftigkeit und Gewichtigkeit zum Ausdruck gebracht werden.“

Was Lovecraft hier anspricht, ließe sich mit soziologischen Termini als Paradigma oder Dispositiv beschreiben: Die für eine bestimmte Epoche und eine bestimmte Kultur typische Weise, die Welt und den Menschen zu betrachten und in einem sinnvollen Geflecht von Bedeutungen miteinander zu verknüpfen. Gerät dieses Arrangement aus den Fugen, verlieren wir unsere Orientierung und alles wird uns fremd: Die Welt, der Andere und wir uns selbst.





Kapitalimuskritische Zeitdiagnose

So betrachtet handelt Horrorliteratur von nicht weniger als dem Fluchtpunkt aller Konstruktionen, aus denen sich die Möglichkeit sozialen Sinns ableitet – oder um es in treffendere Worte zu fassen: Der Ideologie. Indem sie gezielt nach der Angst fragt, die dort entsteht, wo es, wie Lovecraft formuliert, zu einer „punktuellen Aufhebung“ der tradierten Perspektive auf die Welt kommt, spürt Horrorliteratur (wenn auch in ihrer eigenen Weise) den ideologischen Rissen ihrer Zeit nach und beschreibt die daraus resultierenden spezifischen Formen der Angst.

Und genau hier deutet sich eine überaus interessante Möglichkeit der Interpretation an. So wie Slavoj Žižek Hitchcock befragt, um Lacan zu erklären oder Luc Boltanski Kriminalliteratur in den Blick nimmt, um die Moderne zu analysieren, steckt auch in der Horrorliteratur ein Schlüssel zum Verständnis der Gesellschaft. Indem sie dem Gefühl der Angst und damit einer der zentralen Grundemotionen des Menschen überhaupt nachspürt, gewährt sie einen aufschlussreichen Blick darauf, wovor die Menschen einer bestimmten Zeit Angst hatten oder haben, hilft, diese Angst zu beschreiben und zu verstehen und sie schließlich und vor allem in Beziehung zur jeweils aktuellen Gesellschaftsordnung zu setzen. Bei entsprechend gründlicher und langwieriger Arbeit müsste sich aus der Geschichte der Horrorliteratur der letzten 200 Jahre ableiten lassen, welche jeweils hegemonianlen Konstellationen des Kapitalismus welche Formen der Angst hervorbringen und wie diese in Zusammenhang mit Unterdrückungs- und Ausschlussprozessen stehen. Eine so verstandene Rekonstruktion der Horrorliteratur würde auf diese Weise sowohl eine Rekonstruktion zentraler Elemente des Kapitalismus als auch seiner Widerspiegelungen in der Psyche der Menschen erlauben.

Nennt mich Ismael

Und wer steckt hinter dieser Seite? Lesen wir Moby Dick... „Nennt mich meinethalben Ismael.“ - so heißt es dort im ersten Satz. Der Ich-Erzähler versteckt seinen wahren Namen hinter diesem Ismael, so gibt er recht offensichtlich zu verstehen, wenn er das lapidare „meinethalben“ (es gibt Übersetzungen, die auf das "meinethalben" verzichten, was aber am Sinn nur wenig ändert) in den kurzen Satz wirft und damit seine Gleichgültigkeit gegenüber der Frage zum Ausdruck bringt, wie er von anderen - in diesem Fall seinen Leser_innen - genannt wird.

Doch vielleicht ist es auch keine Gleichgültigkeit, die er zum Ausdruck bringen möchte. Vielleicht will er durch sein in den Hintergrund treten auch nur verdeutlichen, seine Geschichte sei wichtiger als er selbst und noch hinzusetzen, dass viele Menschen in dieser Geschichte eine wesentlich tragendere Rolle gespielt haben als er. Genau in diesem Sinne ist es egal, wer diese Webseite unterhält. Der Autor verschwindet neben den Autoren, die er vorstellt und wer mag, kann ihn Ismael nennen oder ihm einen anderen Namen geben. Vielleicht wird aus all dem hier mal ein Buch und da steht dann ein Name drauf. Wenn dem eines Tages so sein würde, wäre diese Seite hier eine Art Vorarbeit für etwas Größeres gewesen, das Ismael bereits zu diesem Zeitpunkt mit sich herumschleppt. Und genau das würde dann einmal der Sinn dieser Seite gewesen sein. Ebenso gut kann es aber auch sein, das diese Seite selbst sich als jenes Größere entpuppt. Vielleicht wird sie auch auf halbem Wege sterben... doch nein, noch beginnt alles erst...



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